Apfelwein im Römer – Schoppenkultur für’s Volk.

16Feb10

Ein grosses Ereignis steht an.

Eine attraktive Chance für jeden, der an hessischer Kultur, oder besser: Trinkkultur interessiert ist. Für jeden, der – vielleicht zugereist – unser herrliches Kultgetränk nicht goutiert, weil er beim ersten Genuss des “Stöffche” nicht ein solches, sondern ein Getränk aus der Alchimistenküche der Industrieschoppenhersteller aka Grosskeltereien offeriert bekam.

Und deshalb seitdem derart traumatisiert ist, dass er mit den Wertungen wie  “igitt”, “pfui Deibel” oder “aber nur mit Limo” den Versuch ablehnt, sich mit der herrlichen Aromatik dieses Getränks zu beschäftigen.

In den vergangenen Jahren hat die hessische Apfelweinkultur schweren Schaden genommen. Da die Traditionskeltereien, oft im Familienbesitz und von den Altvorderen geführt, sich beharrlich allen Modernisierungstendenzen verweigert hatten, gelang es nicht, die jetzige Generation, die durch allerlei Modebestrebungen sehr anfällig für “Trendgetränke” geworden war, für sich zu gewinnen. Der Apfelwein wurde als Rentnergetränk verspottet und man wandte sich, auch beeinflusst durch die massive und geldgestützte Marketingstrategie der Brauindustrie, den Modegetränken wie Weizenbier (in den 80ern) oder Biermischgetränken (90er) zu.

Wenig hilfreich war auch die Vereinigung Frankfurter Apfelweinwirte, die bezeichnenderweise irgendwann das “selbstkelternd mit eigenem Ausschank” aus dem Vereinsnamen strichen. Es gab (und gibt leider) in Frankfurt auch nur noch 15 Wirtschaften, die ausschliesslich oder überwiegend selbstgekelterten Schoppen anboten. Der ehemalige Vorsitzende, Otto Rumeleit selig, verweigerte sich sogar den aufkommenden Tendenzen, nach althergebrachter Art mit speziellen Früchten wie Quitte, Mispel, Schlehe etc. gekelterten Apfelwein zu akzeptieren.

Auch offizielle Verbände wie der Verband der hessischen Apfelwein- und Fruchtsaftkeltereien waren nach meiner Ansicht nicht hilfreich. Lehnten sie doch hartnäckig jede Initiative ab, es dem Verbraucher leichter zu machen, zwischen einem handwerklich hergestellten Apfelwein und einem aus Konzentrat gefertigten Industrieprodukt zu unterscheiden. Diese Diskussion dauert allerdings noch an.

Verschiedene Grosskeltereien versuchten, auf den Modezug aufzuspringen und boten der unwilligen Jugend Phantasiegetränke in immer abstruseren Mischungsverhältnissen an. Sogar vermischt mit einer amerikanischen Koffeinbrause wurde das Zeug präsentiert. Das half aber auch nix, war doch schon das ursprüngliche Getränk aus den Quellen der Hauschemiker kaum trinkbar.

Nun ist es der Initiative von Äppelwoigeschworenen wie Peter Merkel, Andreas Schneider, Michael Stöckl, Jürgen Krenzer et al.   zu verdanken, dass  zum Beispiel mit der Etablierung des Annelsbacher Apfelweintages, der Gründung der Hessischen Wirtshauskelterer (als Antwort auf den o.a. Verein) und last but not least der 2009 zum ersten Male durchgeführten Veranstaltung Apfelwein im Römer sich dem abtrünnigen oder sensorisch nicht vorbelasteten Geniesser eine Möglichkeit bietet, die grosse geschmackliche Vielfalt des trinkbaren Apfels einmal kennenzulernen.

Diverse Produzenten  sortenrein oder aus Streuobst gekelterter Apfelweine, Apfelschaumweine, Quittenweine präsentieren im schönen Foyer des Frankfurter Römer am

Sonntag, 7.März 2010 ab 14 Uhr (Tickets)

dem staunenden Publikum ihre Produkte. Man hat die Möglichkeit, alle vorgestellten Weine (und Schnäpse) ausgiebig zu verkosten und sich im lockeren Gespräch mit den Kelterern und Brennern über Herstellung und Herkunft eingehend zu informieren.

Die beiden Initiatoren, Andreas “Bobo” Schneider, Bio-Apfelbauer und -kelterer vom Obsthof am Steinberg, Frankfurt-Niedererlenbach und Michael Stöckl, Kelterer und (Apfelwein-)Sommelier von der Landsteiner Mühle, Weilrod – beide anwesend -,  haben mit dieser Veranstaltung ein Tor geöffnet.

Der rege Zuspruch schon letztes Jahr lässt für dieses Jahr einen noch grösseren Ansturm erwarten. Ein Ansturm, der zeigt, dass dem alten Kult(ur)getränk Apfelwein noch genügend Interesse entgegengebracht wird. Dies begründet die Hoffnung, dass sich der Göttertrank immer grösseren Kreisen von Genussmenschen erschliesst und er seine alte Bedeutung als Grundnahrungsmittel wiedererlangt.

Übrigens werde ich mich auch die ganze Zeit dort herumtreiben, erkennbar an der Hübschesten am Arm und am nie leeren Glas. Vielleicht finden ein paar Bloggerkollegen den Weg und wir nehmen einen zusammen.



2 Responses to “Apfelwein im Römer – Schoppenkultur für’s Volk.”

  1. Tj, und wer kommt dann da ? Doch auch wieder nur die Leute, die man nicht mehr überzeugen muss. Die Alten. Und das hilft dem Apfelwein dann im Umsatz auch nicht weiter. Lets face it: Apfelwein ist einfach für junge menschen irgendwie nicht “sexy” genug, die Labels traditionell, die Werbung auf Tradition getrimmt und es gibt keine Identifikationsfiguren, die das leckere Stöffsche bewerben. Ich geh mal davon aus, das die Versuche, Apfelweinmischgetränke auf den Markt zu bringen deswegen scheiterten, weil man zwar neu sein wollte, aber dann in der Verpackung nicht ganz auf Tradition verzichtet hat. Genau den gleichen Fehler gab es ende der 80er bei Kaffee. Mit einer gigantischen Kampagne wurde Cafe Swiiiing (“Der erste Kaffee der spass macht” (sic!)) für die jungen Leute lanciert. Der Hersteller liess es sich aber nicht nehmen (aus falschem Traditionsbewusstsein) “Der junge Kaffee von Jakobs” auf die Verpackung zu schreiben und in der Werbung rumzuposaunen. Das ganze war ein RIESENFLOP. Wenn die Äpplerindustrie es nicht hinbekommt, das Getränkeimage mit einer richtig guten Kampagne zu ändern, hilf meiner Meinung auch keine Veranstaltung auf dem Römer.

  2. Heftiger Widerspruch!

    Wenn ich all das Jungvolk sehe, das die Modekaffees “to go” mit sich herumschleppt, so ist die damals angezettelte Kampagne mehr als erfolgreich gewesen.

    Und ähnlich sehe ich es beim Apfelwein. Es hat schon wieder ein neues Lokal aufgemacht im Stile einer Apfelweinbar. Der Schoppen ist Granate (den hatte ich auch) und das Konzept stimmt. Test steht noch aus, letzten Sonntag lief Fussball. Da gehe ich stiften.

    Und im Römer hast Du letztes Jahr überwiegend junges Publikum gesehen.
    Das lässt hoffen.


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