Ich gehe essen, 7. – Die Aktionärsversammlung.

11Jun10

Ich bin Rentner. Ich heisse vielleicht Erwin Lindemann, habe vielleicht im Lotto gewonnen und die Summe angelegt.

In Aktien. Immer eine. Von jeder namhaften grossen Aktiengesellschaft. Nicht nur, dass die breite Streuung meines Anlagevermögens die Risiken eines Verlustes desselben begrenzt, nein, der grösste Vorteil, den ich als Kapitalist geniesse – und das wörtlich – ist die Jahreshauptversammlung.

Ich bin pünktlich. Um Acht treffe ich ein, lasse mich an den Sicherheitsschleusen der grossen Halle, meist eine Messe- oder Veranstaltungshalle, durchleuchten und strebe sofort der Ausgabe für das Frühstück zu. Sehen wir mal, was meine Angestellten, Vorstand und ausführende Organe der Firma, Leckeres bestellt haben. Als Anteilseigner habe ich schliesslich ein Recht auf angemessene Verköstigung beim heutigen Sitzungsmarathon.

So eine Hauptversammlung ist eine Grossveranstaltung, bis zu 8.000 Mitbesitzer haben sich eingefunden, um, nun ja, den Geschäftsbericht zu hören, den Debatten über Entlastung des Vorstandes und ähnlich wichtigen Aspekten der Hochfinanz zu folgen.

Gut, dass es nicht unbedingt nötig ist, im Saal Platz zu nehmen, dort sind die Millionen anderen Stimmaktien repräsentiert. Ich bleibe im Foyer, in der Nähe der Bufetts.

Mit der lustigen Mitbesitzertruppe vom letzten Mal – bei der XY-Bank Jahreshauptversammlung – habe ich mich um Neun auf eine kleine Zwischenmahlzeit verabredet. Vielleicht ein Croissant zum dritten Kaffee, von den leckeren Brezeln von vor einer Stunde habe ich ja schon sechs Stück in meinem Aktenkoffer für zuhause deponiert.

Während ich dankbar über die reduzierte Lautstärke der aufgestellten Monitore mit meinen Aktionärskollegen lustige Anekdoten der letzten Hauptversammlungen – ABC-Chemie, Blabla-Handel und anderen AGs austausche, wird die Zeit bis zum Mittagessen allmählich lang.

Ich gehe mal fragen, wann und vor allem was es denn zu Mittag gibt. Die Auskunft „11:30 Uhr“ erschreckt mich doch etwas. Für alle Fälle und den Hunger zwischendurch plaziere ich 5 Croissants in meinem Koffer. Man weiss ja nie. Derweil kommt ein Kollege und präsentiert ein Infoblatt mit den genau aufgeführten Komponenten des Mittagessens. Gut zu wissen, dass es zum Hackbraten, Kartoffelsalat und Biersauce auch noch ein Brötchen gibt. Das steht mir zu.

11 Uhr. Mit den Softdrinks muss ich langsam machen. Dumm, wenn ich zur Hauptessensausgabe in einer halben Stunde wegen Toilettenbesuchs nicht in vorderster Reihe stehen könnte. Vorsichtshalber stelle ich mir zwei Getränke an meinen Platz.

11:20 Uhr. Die Köche an den Bufetts lassen sich nicht erweichen und erklären, sie hätten Anweisung, auf keinen Fall Essen vor halb Zwölf auszugeben. Gut, dann nehme ich eben drei Äpfel vom hinteren Bufett und drei vom vorderen. Der Koffer füllt sich und die Zeit geht um.

11:30 Uhr. Endlich etwas zu essen. Der nette Koch bei der Ausgabe gibt mir tatsächlich ein zweites Stück Fleisch. Schnell gegessen und zum Bufett an der Seite. Da war ich noch nicht und die Portion (wieder zwei Stück) findet Platz in der Tupperdose im Koffer. Für den Nachschlag gehe ich wieder zur ersten Station. Das steht mir schliessllich zu.

Anfänger bei den Hauptversammlungen machen oft den Fehler, gleich alles auf einmal erldeigen zu wollen. Nicht, dass es eklig wäre, Fisch, Fleisch, Vorspeisensalat, kombiniert mit Nudeln, Kartoffeln und Gemüse, übergossen mit Fleisch- und Fischsauce, gekrönt von drei Wiener Würstchen auf einen Teller zu häufen. Es erschwert einfach nur das Trennen in die Bestandteile und das saubere Verbringen in die mitgeführten Plastikbehälter. Es war auch keine gute Idee eines Kollegen, Suppe in einer Plastiktüte zu verstauen. Es lief beim Verlassen der HV doch zuviel aus, als dass noch eine vollständige Mahlzeit verblieben wäre. Die Lösung wären die Partybrötchen gewesen, von denen ich gerne, wenn es sie denn gibt, so 15-20 Stück mitnehme. Rein ökönomisch nicht unbedingt sinnvoll, kosten sie denn nur ca. 10 Cent das Stück, stehen sie mir schliesslich zu. Indirekt habe ich sie sogar bezahlt. Wenn es denn nur 1 € Dividende für meine eine Aktie gibt, sollten Brötchen schon drin sein. Bei zehn Stück ist das eine Verdoppelung.

Kuchen. Wann gibt es Kuchen?

Nicht vor 15 Uhr. Nun, man kann an die frische Luft gehen, weil es doch ein wenig flau geworden ist im Magen. Das muss die miese Geschäftslage sein, über die momentan heftigst im Saal gestritten wird. Das ist sehr gut, denn je länger die Veranstaltung dauert, desto höher die Wahrscheinlichkeit für ein Abendessen. Zwar meist nur Würstchen oder Frikadellen, aber die lassen sich wenigstens gut verstauen und geben Reserve für zwei Tage. Bei geschickter Auswahl und Mengenbemessung lässt es sich zuhause bis zu vier Tage aushalten mit den Vorräten.

Ach, und zur Vervollständigung meines Bestecksets fehlen mir nur noch zwei Hauptversammlungen an der Messe.

Dann geht es an das Porzellan.



2 Responses to “Ich gehe essen, 7. – Die Aktionärsversammlung.”

  1. Herrlich geschrieben.🙂 Hoffentlich kauft der Herr rechtzeitig eine(!) Aktie von Pharamherstellern, die Mittel gegen Magenverstimmung herstellen. Mit seinen ganzen Kollegen dürfte es nicht mehr lange dauern, bis die stärker nachgefragt werden und die Aktion kräftig steigen. Und mit ihnen doch hoffentlich auch die Qualität beim Catering auf der Hauptversammlung, oder?

  2. Sehr sehr schön!


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