ACH, der Äppelwoi oder: „Lieber Jörg Stier!“ oder: Wenn der Teufel mit dem Beelzebub ins Bett geht.

07Mai10

ACH.

Das habe ich im ersten Moment auch gedacht. Endlich gibt es ein ApfelweinCentrumHessen. Das ist eine schöne Entwicklung nach all den Jahren der Versenkung im Unbedeutenden, Missachteten. Der Apfelwein, von Fremden gehasst, bestenfalls ignoriert, von Einheimischen nur noch als billiges Rentnergetränk angesehen, von der Jugend abgelehnt und überhaupt auch bei den Schönen und Reichen einfach nicht gesellschaftsfähig. Vorbei. Imagekampagnen, Anstrengungen bodenständiger Kelterer und nicht zuletzt die Nachfrage durch die alten Äppelwoigeschworenen, die nicht müde werden, nach einem SELBSTgekelterten Schoppen zu fragen, zeigen erste Ergebnisse.

Veranstaltungen wie Apfelwein im Römer und der jährlich stattfindende Annelsbacher Apfelweintag tun das ihrige, um diesem Göttergetränk endlich wieder den Platz zurückzugeben, den es neben anderen natürlichen flüssigen Produkten Hessens wie z.B. dem Traubenwein verdient.

Jahrelang haben wir uns ja gestritten. Angesichts der Absatzkrise wurde überlegt, ob nicht der Verbraucher entscheiden sollte, ob er einen handwerklich gekelterten Apfelwein oder einen aus Konzentrat hergestellten aus den Grossbetrieben erwerben und geniessen sollte.

Die Grossen fürchteten natürlich einen Nachteil, wenn eine entsprechende Kennzeichnung auf dem Etikett die ganze Geschichte transparenter machen würde. Man sprach vom „einen Boot, in dem man sitze“ und hatte Erfolg bei der Verhinderung entsprechender Warnhinweise. Was bei ApfelSAFT Vorschrift und auch nicht Gegenstand von Auseinandersetzungen ist, wird beim Produkt Apfelwein gefürchtet.

Sei’s drum.

Einer der bekanntesten und konsequentesten Verfechter der handwerklichen Herstellung warst immer Du, der Bischofsheimer Kelterer Jörg Stier. Mit Deiner kompromisslosen Haltung zur Qualität hattest Du immer meine Bewunderung und Unterstützung. Du warst immer einer derjenigen, die am heftigsten gegen die Konzentrat-„kelterer“ wetterten und diese mit Hohn und Spott überzogen. Auch wegen der räumlichen Nähe zu einer bekannten Maintaler Grosskelterei, die beispielhaft für industrielle Methoden der Getränkefertigung steht, hatte Deine Haltung immer etwas vom klassischen Bild des David gegen Goliath.

Lieber Jörg Stier, nach den Anfängen, als wir uns über die Sache kennenlernten, mit Gleichgesinnten die Fahne der Qualität hochhielten und letzendlich den Versuch wagten, gemeinsam ein Projekt – Gaststätte – durchzuziehen, sind wir nun weit gekommen.

Wir haben uns mit gemeinsamen Freunden überworfen, nicht wegen des Schoppens, das sei ausdrücklich betont, heimlich habe ich mir Deinen Apfelwein besorgen lassen, um befreit von Animositäten einfach einen guten Schoppen zu geniessen.

Ich habe auch die Zeit überstanden, als man Deinen Schoppen wegen eines Übermasses an „Frankfurter Ton“ aka flüchtige Säuren überhaupt nicht trinken konnte. Wusste ich doch, dass das beim Handwerk passieren kann. Und jetzt?

Jetzt lese ich im Heimatblättchen, dass das „ACH“ gegründet wurde, das Apfelwein Centrum (mit „C“) Hessen. Hervorragende Idee. Da kann irgendwann der Bürger sich noch besser über die Vielfalt hessischer Apfelweine informieren und somit dem handwerklichen Gedanken weiteren Vorschub leisten.

Doch wer ist denn da mit im Boot? Sehe ich recht? Mitgründerin ist gerade DIE Repräsentantin eben DER Industriekultur, die für den Niedergang des hessischen Apfelweins verantwortlich ist. Selbst nicht mehr Herr(in) des Betriebes, der längst nach der Insolvenz durch einen noch grösseren Industrieproduzenten aufgekauft wurde, ist sie dabei, um „der Industrialisierung des Apfelweins“ entgegenzuwirken.

Ironisch ist das. Marketing. Geschickt eingefädelt.

Aber Du, lieber Jörg Stier, hast nun – auch wegen der Bilder in den Gazetten – schlicht wegen dieser Verbrüderung den letzten Rest meiner Achtung verloren.

Tut mir leid. Auch wegen des Apfelweins.

Geh Konzentrat trinken.



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