Der Furz im Netz.

14Mrz10

Ich habe Magengrimmen. Was Falsches kann ich nicht gegessen haben, ich esse immer gut, also richtig. Ob ich mir etwas gefangen habe? Kann nicht sein, ich bin durch regelmässigen Apfelweingenuss grundimmunisiert. Es könnte ein Wind sein, der den Weg des Entkommens sucht. Leichte Übung, sollte man meinen.

Ist aber nicht so, denn ich zwitschere nicht. Unbegreiflich für die, die mich fragen, warum auf meinem Blog noch keine Rubrik für Twitter eingerichtet ist. Unfassbar, ein Verweigerer! Wo doch heute jeder twittert: Obama, Merkel, Erwin Schubkowiak, Lieschen Müller. Überall und zu jeder Zeit werden Neigungen – hach, ich LIEBE Sushi -, Befindlichkeiten – ich glaube, das eine Sushi war schlecht – und Ereignisse – habe gerade das Sushi erbrochen – ins Netz geplärrt. Egal ob Tante Erna oder der Hund verstorben sind, es gerade geklingelt hat oder die Milch am Überkochen ist, jeder kann und wird es erfahren.

Briefe schreiben ist etwas sehr persönliches zwischen zwei Menschen, die SMS hat das im elektronischen Zeitalter leider ersetzt. Durch die 165-Zeichen-Kultur ist zwar eine gewisse Verrohung der Sprach-und Kommunikationssitten eingetreten, aber der ganze Prozess war wenigstens noch auf Gegenseitigkeit angelegt – kommst Du Disco? – Logo! -.

Jetzt gibt es Fürze, Netzfürze. Kaum entlassen, schon verschwunden. Weil schon die nächsten 18 Fürze der Followers und Contributors losknattern und man sich an den Furz vor 30 Minuten nicht mehr erinnern kann. Aber auch nicht muss.

Die Apologeten der neuen Kommunikationsmittel machen es sich leicht. Sie propagieren sie als leichter, schneller und bequemer. Inhalt war gestern, Hauptsache, mal schnell etwas jedem gesagt. Reaktion? Im Grunde uninteressant, da wartet keiner drauf, man müsste das ja aufmerksam verfolgen.

Das könnte man ja alles ertragen, wegstecken, ignorieren, wenn nicht eine seltsame Entwicklung begonnen hätte: Blogger bloggen immer weniger, twittern mehr.

Ich selbst bin nun relativ neu in der Szene, eher zufällig Anfang 2007 rutschte ich hier so rein. Sehr schnell fand ich Gefallen an dieser semipersönlichen Art der Kommunikation. Individuelle Vorlieben einem interessierten Publikum mitzuteilen, das sich bei Bedarf eben dazu äussert, ist spannend. Wem das nicht gefällt, der bleibt weg und/oder schreibt/liest woanders.

Ebenso gern habe ich andere Blogs verfolgt und entsprechend kommentiert. Mit der Einschränkung, dass es mir schon immer zu blöd war, nur um Traffic zu generieren Hudeleien der Art „das ist lecker“ oder „das will ich auch“ u.ä. als „Kommentare“ anzuhängen. Klein und fein bleiben, ein bisschen exclusiv, das gefällt mir. Als kleines, zugegeben böses Hobby betreibe ich Veganerbashing und provoziere an den entsprechenden Stellen gerne ein wenig, um mich an den wütenden und/oder meist schwachsinnigen Reaktionen dieser Spinnersekte zu erheitern.

Betrübt bin ich aber über die Tatsache, dass gerade bei Blogs, deren abwechslungsreiche Posts, gewürzt mit Bildern und Videos, ich immer gern gelesen habe, eben diese immer länger ausbleiben. Wo früher fast täglich ein Beitrag zu finden war, herrscht Pause, oft für mehrere Tage.

Aber gefurzttwittert wird fleissig. Die Kolumnen rattern nur so durch. Ich lese das nicht, bin kein Mitglied, kein Follower. Ich warte nur noch, dass auch Frau Ava Ödema ihre veganen, elitären Allmachtsfantasien und hobbypsychologischen Ergüsse in dieser Form absondert. Namensvorschlag „VeganFarts“.

Für alle andern gilt, abzuwarten, ob nicht bald die Netzplattform „NetFarts“ errichtet wird; der Schnelligkeit wegen mit einer Begrenzung auf 50 Zeichen.

Ich werde nicht dabei sein.



15 Responses to “Der Furz im Netz.”

  1. 1 asinuscanus

    Ich zwitschere auch nicht, aus ähnlichen Gründen. Ich freue mich an den Weblog-Einträgen, die Geschichten erzählen, auch wenn sie nur kurz sind. Ich freue mich auch an Aphorismen, spannenden Links, niedergeschriebenen Geistesblitzen, Fotos etc. Die Mitteilungen aktueller Befindlichkeiten stören mich nicht, solange sie nicht überhand nehmen. Im Gegenteil, sie runden das Gesamtbild ab. Weblogs sind Presseorgane, die sich an einen unbekannten Leser richten. Die Schreiber haben eine gewisse Absicht, warum sie schreiben. Das kann sehr unterschiedlich sein und von der Lust am Seelenstriptease bis hin zu fachlichen Beiträgen reichen. Ärgerlich sind dabei aber kryptische Mitteilungen, die für die Allgemeinheit nicht verständlich sind. Dabei hat man als Leser ganz schnell den Eindruck, absichtlich ausgeschlossen zu werden, oder – weniger freundlich ausgedrückt – dass sich da jemand fürchterlich wichtig nimmt und wichtig macht. Ein wenig mehr Selbsteinsicht über die eigene Unwichtigkeit täte manchen ganz gut. Und was die weit verbreitete Unsitte betrifft, grundlegende Prinzipien der Orthografie und der Höflichkeit zu missachten, so bleibt nur die Wahl zwischen Ärger und Resignation. Und der Wille, es selbst besser zu machen.

  2. an zwitschern, gesichtsbuch und ähnlichem kann ich per se keine verrohungsgefahr entdecken. ich finde, es handelt sich um durchaus zeitgnössische ausdrucksformen, die, wie kann’s auch anders sein, mit der intelligenz der nutzer stehen und fallen. sicherlich sind die kandidaten, die annehmen, grösstmöglicher blödsinn, möglichst kryptisch verpackt, rücke sie in den verdacht, bestsellerautoren incognito zu sein, leicht durchschaubare nervensägen. dennoch: wenn man die grundregeln von kommunikation oder meinetwegen interaktion beherrscht, bieten diese foren eine sehr dynamische form der nachrichtenübermittlung, was bei menschen, die freiberuflich in kreativen bereichen unterwegs sind, eine enorme zeitersparnis mit sich bringen kann. versteht sich von selbst, dass damit nicht sinnentleerte, pointengeile selbstdarstellung gemeint sein kann. mich hat z.b. sehr berührt, dass iranische regimekritiker nur via twitter in der lage waren, eine demonstration zu organisieren und ich bin immer wieder fasziniert von den entzückend anarchischen flashmobs, die ja auch lediglich über facebook organisiert werden.
    zum thema kommentarkultur: ich hab ja schon so meine schwierigkeiten, mir vorzustellen, warum sich jemand mit prekariatshintergrund für einen tagessatz von 90 euro mittags auf einem privatsender zum schlappenschammes vor weiterem prekariat macht. was meinen horizont aber tatsächlich zu sprengen droht, ist die tatsache, dass bildungsbürger, grösstenteils rechtsliberal orientiert, wie mir scheint, ohne jeglichen geldwerten vorteil regelmässig die schamesgrenzen hinter sich zu lassen bereit sind. siehe: mmhhm, sieht das lecker aus u.ä. ich glaub‘, es war wiglaf droste, der in diesem zusammenhang das wort „obszön“ gebrauchte…

  3. „Schlappenschammes“ – köstlich. Wird gespeichert.

  4. Ich musste natürlich gleich dabei sein. Und wenn du ein Apfel-Handy hast, ist es schon fast Pflicht. Am ersten Tag fand ich es amüsant. Am zweiten langweilig und am dritten nervte es tierisch. Da ich in einer Demokratie lebe (auch wenn ich manchmal etwas zweifle), muss ich auch keine Demos organisieren. Und mit meinen Mitarbeitern und Kunden spreche ich lieber persönlich. Da ist dann auch noch Zeit für einen Scherz. Flirten dagegen lässt sich mit SMS prima und meine Froschkönigin hab ich mit den paar Zeilen locker rumgekriegt. Nun schreiben wir so seit Jahren täglich an einem Fortsetzungsroman, wie ihn Hedwig Courts-Mahler nicht besser hingekriegt hätte.
    Und jetzt sag mir bitte einer, wie ich dir das alles hätte zwitschern sollen.

  5. 6 The Everlasting Club

    Ich habe es schon immer gehasst SMS zu schreiben und werde alleine
    schon aus dem Grund niemals anfangen zu Twittern. Warum ? Weil es mir
    auf den Sack geht auf diesen dämlichen Miniatur-Tastaturen herumzutipseln,
    daß macht in etwa so geil wie ein Versicherungsformular auszufüllen. Genauso
    wenig Spaß macht es auch sich Bücher auf diesen unhandlichen Lesegeräten reinzuziehen. Ich will mich gemütlich auf die Couch flegeln und meine Bücher und Zeitungen so falten, daß es bequem ist und ich keine Sehenenscheidenentzündung dabei bekomme. Und wenn ich jemandem was zu sagen habe ruf ich ihn an. (oder schreibe auf einer bequemen Tastatur Blogeinträge ;o))
    Manche Freunde nennen das „ganz schön old school“, ich nenne es Lebensqualität.
    Neidisch werden könnte man nur auf die Schlemils, die sich den ganzen unnötigen Kram ausgedacht haben und sich damit ne goldene Nase verdienen. Ich meine, man sieht ja kaum mehr jemanden auf der Strasse herumlaufen der NICHT auf einem kleinen Kästchen herumdrückt…

    Alex

  6. Bei mir hält sich die Gefahr für diese Auswüchse schon allein dadurch in Grenzen, dass ich die meisten dieser neuen Kommunikationswege gar nicht verstehe. Außerdem passe ich mit meinem Hang zu verschwurbelten Sätzen kaum in das 140 Zeichen-Format. Und ich habe leider im Moment so wenig Zeit für meinen Blog, da käme ich mir ausgiebig twitternd wie eine Verräterin an der eigenen Sache vor.😉

  7. tja, das scheint mir auch eine form von obszöner kommentarkultur zu sein, jeder schreibt mal so vor sich hin, ohne auf den anderen bezug zu nehmen, schade…
    @ hanswurst: sicher, wenn du eine party mit ca. 250 besuchern( kunden ) organisierst, nimmst du dir sicherlich die zeit, mit jedem persönlich zu telefonieren, respekt! und was sonst noch so an informationen für journalistische arbeit wichtig ist, erfährst du sicherlich beim latte macchiato im place to be, hut ab!
    ich weiss nicht, in welchem land du lebst: du schreibst, in einer demokratie, in der keine demonstrationen organisiert werden müssen, interessant!
    @ everlasting: wer hat denn gesagt, dass man sich nicht mehr zeitunglesend auf der ottomane fläzen darf und wer sagt, dass liebesgeflüster via twitter zu geschehen hat?
    ich bin auch mitunter freundin von wertekonservativen sentenzen und finde daher, dass ein brief per berittenem boten überreicht doch wesentlich persönlicher ist, als durch die deutsche bundespost versandschandelt.

    • @susanne: hier findet doch gerade was statt. Sei nicht so streng!

      Aber gerade das, wovor Arthutrs Tochter zurückschreckt, findet derzeit in etlichen Blogs statt. Da kommt nicht mehr viel ausser ein paar Zwitschern.

  8. Spät entdeckt, – entspricht meiner Langsamkeit😉.
    Ich SMSe nicht, zwitschere nicht (ich kapier den Sinn immer noch nicht!), finde Facebook und Co furchtbar. Kommunikation als Selbstzweck halte ich für dumm. Deswegen bin ich noch lange nicht wertkonservativ. Organisieren kann ich trotzdem, auch 500 oder 1000 Leute – per Email. Das würden die Iraner auch lieber, dürfen sie nur nicht.
    Ich geniesse es, dass ich keine Geschäftsbriefe mehr schreiben muss, dass ich Angebote und Rechnungen um vielen schneller als früher legen kann, dass ich mit meinem iPhone mein Büro überall mit hinnehmen kann und dann genüsslich ein paar Tage ausgeschaltet lasse.

    fressack,
    ich finde es auch schade, dass viele Blogs verwaisen oder mit Lobhudeleien zugemüllt werden.

  9. … Du magst zwar kein Twitter, nutzt aber über Küchenblogs dessen Vorteile😉


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