Tod eines Engels.

04Mrz09

Gekämpft, gehofft und doch verloren.

Man darf  sich nicht in die Tasche lügen, auch wenn es schwerfällt und man an die Wende glaubt. Irgendwann sprechen die Zahlen für sich  und man muss dem Schrecken ein Ende setzen.

Für wirtschaftlichen Misserfolg – gerade bei Wirtschaften – kann es viele Gründe geben. Falsches Konzept, falscher Ort, falsche Gäste?

An der Qualität des Gebotenen kann es nicht gelegen haben. Zwei Sorten handwerklich gekelterte Apfelweine, 12 Sorten Winzerweine, gepflegte Biere inclusive Guinness, 130 Obstbrände, keine Dosen in der Küche und den Froster nur für Saucen und Brot; die Zubereitung vielleicht? Aufnahme und Plazierung in lokalen Fressführern und das Echo der Gäste bedeuten wohl das Gegenteil.

Vielleicht war es der nicht besonders attraktive Hof im Sommer, den der Hauswirt mit Beton- und Edelstahlcharme ausgestattet hat, vielleicht waren es die Süssgespritzte-Trinker, die heimlich zum Boykott aufgerufen haben, wer weiss.

Tatsache ist, dass übers Jahr im Schnitt täglich 15-18 Gäste gefehlt haben. Tatsache ist, dass auch der Hauswirt nicht bereit war, bei seiner sehr hohen Miete eine gewisse Flexiblität zu entwickeln. Dies wiederum vielleicht deshalb, weil er seit Juni mit mir nicht mehr persönlich gesprochen hat, dies wiederum, weil ich ihm die Meinung über sein Blockwartgehabe (tägliche Müllkontrolle, Ratschläge zum Führen des Geschäfts – „Sie müsse mal was schaffe und net Zigarrn rauche!“ etc.) gegeigt habe. Wer weiss, wer weiss…

Die Gäste kamen zum überwiegenden Teil aus Nachbargemeinden oder dem zweiten Ortsteil, direkt einheimische blieben eher fern.

So haben wir den Engel vor Weihnachten zu Grabe getragen. Der Partner versucht derzeit, mit geändertem Konzept – höhere Preise, eingeschränktes Getränkeangebot, zwei Köche, zwei Ruhetage – einen Neuanfang, hat aber einen ähnlichen Erfolg. Die Mission – meine Mission – ehrliche hessische Küche mit einem adäquaten Getränkeprogramm ohne Süssgespritzten in einen Frankfurter Ortsteil zurückzubringen, der vor sechs Jahren seine letzte von ehemals drei selbstkelternden Apfelweinwirtschaften verloren hat, kann man getrost mit einer leichten Bitterkeit als gescheitert betrachten.

Nun wäre ich ja nicht der, der ich bin, wenn ich nicht schon längst die Suche nach einer neuen Gruft, einem neuen Domizil aufgenommen hätte. Soviel sei hier nur gesagt, Verhandlungen werden geführt, Verträge sind vorbereitet, am Konzept wird nur noch feingeschliffen. Kleine, lockende Stichworte kann ich fallen lasse: Bier, hausgebraut, hessisch und spanisch verträgt sich bestimmt und alles wird gut.

Schliesslich brauchen wir Platz für die fress:publica09 im Mai.



10 Responses to “Tod eines Engels.”

  1. Ich drück die Daumen für das was kommt! Klasse schon mal, dass Du nicht resigniert hast und der Engel weiter fliegt!

  2. Ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deinem neuen Projekt. Wie schwer es ist, Qualität durchzusetzen, und sich diese adäquat bezahlen zu lassen, weiß ich leider aus eigener Erfahrung. Gerade, wenn man pachten muss, und nicht über etwas alt eingesessenes Eigenes verfügt. Ärger mit Verpächtern gibt es so gut wie immer.
    Jedenfalls bin ich gespannt auf die hessisch-spanische Freundschaft. Handkäs mit Aioli wird es nicht sein, oder?

  3. Viel Erfolg, und mit Bier kannst du meine norddeutsche Seele bestimmt mehr überzeugen als mit dem zugegebenermaßen durchaus trinkbaren Apfelwein.

    Und es wird bestimmt alles gut!

  4. 4 Sus

    Der fehlende Süßgespritzte war mir gar nicht aufgefallen. Obwohl es wirklich schade um den Engel ist, bin (wahrscheinlich nicht nur) ich schon gespannt auf das neue Domizil.

    Liebe Grüße, Sus

    P.S.: Den Quitten-Apfelwein gibt’s aber bitte wieder, oder?

  5. 5 kritzlibaer

    Ich gestehe: Mein Engel und ich waren zwei der 18 Fehlenden! X-mal vorgenommen, aus dem Exil im Kinzigtal wenigstens ein paar Mal ins Zentrum des Stöffsche zurück zu kehren, war unsere erste Wahl der Engel, schon aus Solidarität mit Deinem Kampf gegen die Veganer.

    Aber ich gelobe Besserung. Handkäs con Salsa? Aber ja doch! ¡arriba, al principio! Diesmal sind wir dabei!

    Der kritzlibaer freut sich drauf

  6. Mir ist Bier ja auch lieber als Apfelwein…😉

    Irgendwann muss man Entscheidungen treffen, Schnitte sind nötig und das war die richtige Entscheidung. Platz für Neues. Ich drücke Dir die Daumen!

  7. 7 Alex

    Lieber Fressack,

    das Problem liegt meiner Meinung nach darin begründet, daß „Qualität“, oder das was
    die kleine Avantgarde der kulinarischen Elite im ohnehin genussfeindlichen Großdeutschland
    als solche bezeichnet, und dazu zähle ich auch uns beide, daß die Qualität einfach nicht mehr gefragt ist!

    Man braucht nur den Tischgesprächen in den Restaurants dieses Landes zu lauschen (ich schreib da immer mal wieder drüber auf Chris Blog). Es wird über so gut wie alles gesprochen, Maserati, Testarossa, Lebende Organtransplantation, Pädophile & Steuerabgaben, nur über eines nie : Das Essen!

    Mit dem Engel ist nun die 3. meiner Steimkneipen platt gegangen. Aber man kann halt nicht
    überall Stammgast sein und somit die wenigen Inseln in der kulinarfischen Wüste Deutschland subventionieren.

    Mit Deinem Konzept hast Du wohl einen zu dünnen Nischenmarkt angesprochen, denn für den Durchschnittshessen war’s zu elitär und für den Sternefresser zu banal.

    Alles Gute
    Alex

  8. 8 Alex

    ODER um es mit RAMMSTEIN zu sagen :

    „Sie müssen sich an STERNE klammern,
    damit sie nicht vom Himmel fallen!“

    Alex

  9. Kerle, Kerle, isch drück‘ Disch! Aber es wäre besser gewesen, ab und an mal reinzuschneien. Ich habe jetzt ein schlechtes Gewissen und schließe mich kritzlibaer (was ist das für ein Tier?) an.
    Bis bald!

  10. 10 Chris

    Zitat: Kleine, lockende Stichworte kann ich fallen lasse: Bier, hausgebraut, hessisch und spanisch verträgt sich bestimmt und alles wird gut.

    Vielleicht ein anderes Konzept?


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