Ich gehe essen, 4. – Essen? Trinken? Klassentreffen?

20Mrz08

Ich mache mir Gedanken. Ich mache mir Sorgen. Um die Genusskultur. Weil sie verschwindet. Ohne Ersatz.

Die kleine Gruppe zum Teil selbsternannter Geniesser und Repräsentanten des gehobenen Lebensstils, gerne praktiziert in den neuen Tempeln der Moleküche, die zählt für mich nicht. Ich sehe immer weniger Gäste, die den Genuss im Einfachen finden oder gar danach suchen.

In diesem meinen Forum haben viele schon ihr Fett wegbekommen: Der gemeine Vegetarier, der aus humanitären oder welchen Gründen auch immer seine Mitgeschöpfe nicht verzehren will; der seltsame Veganer, der über den vorgenannten hinaus sein fundamental-religiöses Durchgeknalltsein zur Schau stellt, die religiöse Fraktion, die auf den Befehl ihres jeweiligen Herrn niemals (Muslime) oder zeitweise (fastende Christen) (Schweine-)Fleisch konsumieren.

Abstinenzler gehören auch zu den Zeitgenossen, die ich lieber von hinten sehe. Dieses ganze Gesindel ist zudem noch schlecht für mein Geschäft.

Man verstehe mich richtig: Ich will keineswegs binnen Jahresfrist durch den exzessiven Verkauf hochpreisiger Schaumweine oder Trüffelgerichte meine Altersversorgung auf die Seite geschafft haben. Mir ist der Rentner mit seinem Feierabendhandkäs und zwei Schoppen lieber als der Yuppie (ja, die gibt es wieder), der mit seiner sehr blonden neuen Freundin einmal in den niederen rustikalen Gefilden ausgehen will, kalorienreduzierte Koffeinbrause ordert und das Rippchen dann doch zu fett findet. Der kommt nicht wieder und das ist auch gut so.

Mir machen eher die Typen Sorge, die zwar ausgehen, aber dann den Abend in einer Art öffentlichen Askese verbringen.

An dieser Stelle habe ich schon über skurrile Verhaltensweisen von Gästen berichtet. Man erinnere sich an die Weihnachtsgruppen (mit Oma) oder den Geburtstag im Gewand einer Trauerfeier. Bisher blieb mir ein sogenannter Elternstammtisch erspart, obwohl eine solche Veranstaltung durchaus zur Erheiterung des ganzen Personals beitragen kann – Regel 1: Der erste Gast bestellt ein alkoholfreies Getränk, damit man ihn nicht für einen Alkoholiker hält. Regel 2: Die nachfolgenden Gäste bestellen ebenfalls alkoholfreie Getränke, weil der erste Gast als Vorbild dient. Den Umsatz kann man sich vorstellen. Lustig sind nur die Wetten, die auf dessen Höhe abgeschlossen werden.

Wie sieht es denn nun mit Klassentreffen aus? Wenn man mich und meine ganzen alten Klassenkumpane als Masstab nimmt, ist eine solche Truppe für den Wirt wie ein Lottogewinn. Solche hatten wir auch schon und eine Menge Spass, gerne auch mal länger in die Nacht hinein.

Doch zurück zu dem genannten Asketen. Davon hatten wir am Montag wohl gleich einen ganzen Verein.

Arzt-, Gerichts- und Behördentermine sind Pflichten oder Sachzwänge; auch hindert mich niemand daran, auf der heimischen Couch Flaschenbier oder Champagner zu trinken und dazu Chips oder Austern zu essen.

Aber warum gehe ich aus? Um keinen Spass zu haben?

Man könnte es vermuten. Wie anders kann ein erwachsener Mann 3 Stunden 45 Minuten an einer grossen Apfelsaftschorle (sic!) verweilen? Zwei Damen legen zusammen und teilen sich eine Flasche Wasser. Für den ganzen Abend. Dass von den fünf Essen (bei 11 Personen) ausgerechnet die Dame mit dem heftigsten Übergewicht normal isst, macht die Sache nur bezeichnender und schräger. Die 11 Personen haben es mit vereinten Kräften tatsächlich geschafft, doch noch unter einem Gesamtsaldo von 100 € zu bleiben. 95,30 €, um genau zu sein.

Die Stimmung, die herrschte (die hatten während der Schulzeit wahrscheinlich auch nichts zu lachen), wurde nur ein wenig getrübt, als ich exakt zwei (!) Stunden nach der letzten Bestellung dann doch die Rolläden herunterliess und die Kerzen im Lokal löschte.

Peinlich war es nur der einen Dame, die bereits vorher mit zwei Treffen bei uns war.

Genussverweigerer sollen doch zuhause bleiben.

Bitte.



29 Responses to “Ich gehe essen, 4. – Essen? Trinken? Klassentreffen?”

  1. Unter 100 Euro?
    Wenn ich hätte trinken dürfen und nicht hätte fahren müssen, hätte ich die Hälfte davon allein mit der Schnapskarte hinter mich gebracht😉

  2. 2 chris pedersen

    Mehr solcher Erlebnisberichte ! Auch wenn ich Dir nicht zu viele von diesen Gästen Wünsche (immerhin sorgt sowas für Wirtschaftliches Desaster), tragen solche Gäste wenigstens dazu bei, das man sich mal wieder so richtig schön aufregen kann und dampf ablässt. Die Kellnerin kann zum Beispiel 2 Minuten in der Küche verschwinden und sich bei dem niedlichen neuen Aushilfskoch über die Gäste beschweren und hat somit endlich mal einen Grund zur Kommunikation.
    Ich habe in einem Restaurant in Berlin gekocht, kleine Karte mit vorwiegend Süddeutscher Küche. Ein Stammgast kam eigentlich JEDEN Abend hat IMMER nur 3/4tel seines Tellers aufgegessen und sich über die Zubereitung der Gerichte beschwert. Aber er kam jeden Abend. Wir haben in der Küche dann schon Wetten abgeschlossen, was er heute absurder Weise bemängelt. Da kommt Frohsinn auf. Aufregen auf hohem Niveau. Diese Gäste sind die reinste Hölle und dafür lieben wir sie…

    Chris

  3. 3 fressack

    Genau.
    Mehr Gäste wie den Wortteufel. Die dürfen sogar ihre Männer mitbringen.

  4. Wie darf ich das denn verstehen?

  5. 5 fressack

    Als Kompliment.

  6. Übrigens eine Pasta mit Trüffeln kann selbst der Papst am Karfreitag essen!

    Bis die Tage!

  7. 7 fressack

    Der Papst könnte auch ein Kotelett essen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, an Karfreitag kein Fleisch zu essen.

  8. Aha, so wird das mit meiner Karriere natürlich nichts: Ich bestelle auch beim Bisnesslansch ein Gläschen Wein dazu. So komme ich natürlich als unzuverlässige Säuferin rüber.

  9. Verbuche die Truppe doch als einen Elternstammtisch, dann ist der Umsatz rekordverdächtig, und du hast Glück gehabt.
    Bei mir antwortete mal eine Dame auf die Frage was sie denn trinken möchte:“zu trinken möchte ich nichts, ich muß noch Auto fahren und Wasser schmeckt mir nicht “
    der Service war so verblüfft, daß ihm noch nicht einmal eine Antwort einfiel.

  10. Das ist ja alles furchtbar. Ich brauche einen Schnaps.

  11. Oha. Kompliment. Na, dann. Danke?

    Es gibt überhaupt keinen Grund, irgendwann kein Fleisch zu essen. Außer vielleicht, wenn man keinen Appetit darauf hat. Was mir jedoch nicht passieren könnte. Ich hab wohl ein Raubtiergen.

  12. Das klingt, als ob da ein Zusammenhang besteht zwischen keinem Alkohol und wenig trinken. Und wenn ich recht überlege – zwei halbe Apfelschorle sind rein von der Flüssigkeit her sättigender als zwei Sauergesprizte, da geht immer noch was. Kann man das seriös erklären?

  13. 13 fressack

    @sebastian: nein, kann man nicht, eine nach 1 1/2 Stunden zimmerwarme Apfelsaftschorle kann man nicht „geniessen“, das wird dann eher als Platzmiete betrachtet. Diese Leute trinken wohl zuhause Eistee. Aus dem Bückregal.
    @gaga: Dann wirst Du am 19. im Himmel sein. Meine Schnapskarte umfasst mittlerweile 86 Obstbrände und 16 Liköre.
    @Jürgen: da beneide ich die Italiener für ihr Coperto.

    @sebastian, off topic: was ist denn mit den Fragen der Götter?

  14. Vielleicht sollte man solche Gäste als Chance begreifen. Als Chance sich mal richtig zu amüsieren. Schicke solchen Gästen doch einfach mal einen Gruß aus der Küche. Sag ihnen, sie seien so eine nette Runde, dass Du ihnen unbedingt eine Freude machen wolltest, setz Dein herzlichstes Lächeln auf, und warte, bis denen die Schamesröte langsam ins Gesicht steigt. Sollte die Schamesröte ausbleiben, setzt Du noch einen drauf und erzählst, Du hättest neulich schon einmal so eine nette Runde gehabt, die hatten so viel Spaß und haben dabei nur jeder drei Euro ausgegben, woraufhin Du Dein jüngstes Kind umgehend zur Adoption freigegeben hättest, damit Du es Dir leisten kannst, mehr solch illusterer Gäste zu bewirten. Und frage dann, ob Du noch einen Obstler ausgeben darfst; Ziegler Nr. 1, oder so. Dann könntest Du noch ein Körbchen vor die Ausgangstür stellen und verkünden, die Kollekte für diesen Abend sei für notleidende, atheistische, veganerhassende Wirte mit Ironieleiden.

    Wäre das nichts?

  15. 15 fressack

    Gute Idee. Ähnliches habe ich schon mal bei einem Pärchen gemacht, das in einer Weinstube geschlagene vier Stunden bei einem Wasser und einer Cola in der Ecke sass. Die knutschten aber nicht mal.
    Denen habe ich Wasser gebracht mit der bemerkung „Ihr müsst doch Durst haben“.
    Die waren schnell weg

  16. dass sich das am 19.4. wiederholen wird, kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin eben daran, mich an Apfelwein anzugewöhnen: und er schmeckt !

  17. Ich begeistere mich für sämtliche Obstbrände.
    Vor allem Marillenschnaps ist sehr gut für meinen Kreislauf.
    Es gibt bald keinen Grund mehr, nicht zu kommen. Meine Ausreden werden langsam knapp.

  18. 18 fressack

    @robert: Eine weitere Seele gerettet! Ich bitte um das Mitbringen einer Probe, denn ich habe bisher nur eine einzige Sorte verkosten können und das war vor drei Jahren.

    @gaga: Es wird mir ein vergnügen sein, für die Stabilität Deines Kreislaufs zu sorgen. Allerdings habe ich leider keinen Ananasschnaps, dafür aber eine sensationelle Marille.
    Als ob eim e Engelsche uff die Zung pisst.

  19. Ej, ich liebe Obstbrände:
    Ich sag mal, wir sind Donnerstag um 19.00 Uhr (so die S/U-Bahn will) da!

    Gruß

  20. Ich glaub ja: der Apfelsaft-Schorle-Mann wollte selber Apfelwein herstellen. Noch ne Viertelstunde länger und die natürliche Gärung hätte wahrscheinlich eingesetzt.

  21. Ach kommen Sie doch, Frau Gaga.

  22. ich habe noch nicht bis ins letzte durchschaut, in welcher ortsansässigen Herberge es ein schönes breites Bett ohne Besucherritze gibt.
    Ein Jammer, wenn es daran scheitern würde!
    Gerne nehme ich Empfehlungen entgegen!

  23. Lieber fressack,
    wo es doch über Ostern im Südwestfunk eine einstündige Reportage über Frau Poletto (und ihr Lokal, inkl ihres geschniegelten Ehemanns ‚isch stehe jeden Taag um haalb siebben aauf‘ und der verwöhnten Tochter) gab, vermisse ich doch passende Postings. Ein weiterer Heiratsantrag (ausschließlich an Frau Poletto) wäre obligatorisch. Etwa nicht gesehen?

  24. 24 fressack

    Gesehen. Die Frau macht ordentliches Essen und der Ehemann muss sie irgendwie liebhaben. Heiratsantrag? Bloss nicht! Die ist ja SO blond und ausserdem passt mir ihr Zahnbild nicht in den Kram. Da entflamme ich eher für den dunklen Typ (gerne auch aus dem Norden/Nordosten, gell?)

    @gaga: Der vorausschauende fressack hat ja ca. 30 Betten im um die Ecke (100m) gelegenen Hotel geblockt. Nur für alle Fälle, falls Privatunterkunft nicht gewünscht wird. (Oh je, wie streicht man das jetzt durch?)

    So, halt.

  25. in der schönen Aussicht hat es eine Kategorie 1 mit französischem Bett. Falls es die hundert Meter entfernte Herberge ist, überleg ich mir das! (Man möchte ja ungern aus dem Bett fallen beim Ausnüchtern).

  26. 26 fressack

    Es ist! Es ist!
    Juchhe!

  27. 27 barbarasspielwiese

    Bei solchen Gästen freue ich mich, in einer anderen Branche zu sein! Aber solche Leute gibt’s natürlich überall…

    Schöne Aussicht mit französischem Bett klingt gut. Der Termin nähert sich und ich mache mir so meine Gedanken zu Apfelwein und 86 Obstbränden. Ich bin übrigens nicht blond und habe kürzlich einen Käsekuchen zum Heiratsantrags-Heischen fabriziert, in den Kommentaren aber keinen gefunden…😉

  28. Lieber Herr Wirt,

    es bloggt zwar nichts zur hier verhandelten Sache, aber ich wollte doch loswerden, daß ein Teil der katholischen Bloggerszene gestern einen tollen Abend bei Euch verbrachte. Es hat alles gestimmt, und ich habe es genossen.

    Bergen-Enkheim liegt zwar ein bißchen abseits von meinem Schuß, aber ich hoffe doch, daß ich mal wieder vorbeikomme!

    Mehr Komplimente habe ich mir erlaubt, hier: http://intelligam.blogspot.com/2008/03/wir-im-goldenen-engel.html zu posten.

    Also danke nochmal und alles Gute!


  1. 1 rettet das mittagessen » Blog Archive » War das gut

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